Die Geburt des Grafen Klex

Die Geburt des Grafen Klex, wie sie sich nach der Erzählung unseres Rt. Douglas zugetragen hat, so zu lesen in dem goldenen Buch des Reyches Lipsia:

Es war ein kalter Christmondabend, heulend raste der Sturm durch die Bäume des wilden Rosentals; Uhu saß mit seiner Ehehälfte beim Abendessen:

“Ein schreckliches Wetter heute”, seufzte Uhu, “mache das hintere Astloch zu, Alte, es zieht entsetzlich. – Das Abendbrot scheint Dir wieder heute garnicht zu schmecken”-

“Na, ist das etwa ein Wunder?” kreischte Madame Uhu, ” ich kann Dir nur sagen, ich lasse mir das nicht länger bieten. Seit vier Wochen hast Du nun schon die verrückte Idee, die Wirtschaft selber zu führen. Du kochst und mischst ein Zeug durcheinander, das kein Vieh fressen kann. –

Wie wir neulich bei Habichts eingeladen waren, hast Du die Feldmäuse in Gelee an Dir vorüber

gehen lassen, ohne sie anzurühren, und auch ich durfte nicht zulangen, obgleich Du weißt, daß das mein Leibessen ist.”

“Schweig, Weib, Du kennst meine Pläne nicht!”, knurrte Uhu.

“Ich will sie auch garnicht kennen lernen, und daß Du siehst, daß ich Dich garnicht stören will, so werde ich Dich mit Deinen verrückten Plänen allein lassen und auf ein Stündchen zu Spechts ‘nüber gehen. Ich wünsch gesegnete Mahlzeit!!”

Uhu ist allein; dumpf brütet er eine Weile vor sich hin. Plötzlich hebt er das Haupt empor. Ein Zug fester Entschlossenheit lagert auf seinem ausdrucksvollem Gesicht.

“So muss es gelinge”, ruft er aus, “der Plan ist fertig. In meiner Hand halte ich den herrlichen Wegweiser: Professor Schenks Theorie von der Bestimmung des Geschlechts. Wenn Schenk sagt und beweist, daß sich das Geschlecht bestimmen läßt, so gehe ich in meiner Weisheit weiter und behaupte, auch die Gattung läßt sich bestimmen! Ich werde der Welt einen Menschen zeugen, in dem sich alles vereinigt findet, was man an mir preist. Heute will ich mit der Ausführung meines Planes beginnen. — Doch horch, es klingelt! Es wird meine Alte sein. Jetzt ans Werk!”

“Guten Abend, Männchen! Na die Zeit ist Dir doch nicht zu lang geworden? Spechts lassen recht schön grüßen. Die Wiedehopfen war auch da, ein ekelhaftes Frauenzimmer. Sie läßt natürlich auch grüßen.”

“Danke, —höre Frau, leg doch mal ein Ei, aber ein recht schönes.”

” Ein Ei, ach nee, muß das denn gleich sein?”

Widersprich nicht, ich werde Dir später alles erklären, jetzt leg!!”

“Aber Männchen, jetzt mitten im Winter, das müßte ja ein sonderbares Wesen werden, das da rauskommen soll!

“Das soll es auch, und nun gehorche!”

“Na, wenn Du es denn durchaus haben willst — da — Klex, da liegt’s!”

” Ganz recht” ruft Uhu aus, “Klex ! So soll er heißen und der Welt eine Leuchte  sein”.

Mit diesen Prophetischen Worten setzte sich Uhu auf das Ei. —- Als einige Wochen vergangen waren, platzte des Eies harte Hülle und heraus kroch ein wunderholdes Knäblein. Staunend standen die beiden Uhueltern vor diesem Wunder.

“Heiliger Schenk, Dein Name sei gepriesen!” schrie Uhu begeistert, ” das Werk gelang, ein Mensch, ein echter Mensch!”

“Nu ja,” sagte Madame Uhu, ” das Jungel ist ja ganz niedlich, bis auf’s Gesichte. Ich dächte, das ähnelte Dir doch recht sehr.”

Uhu schaut sich das Gesicht näher an.

“Du hast recht”, schreit er betroffen, ” das Werk gelang nur halb. Es muß ein Fehler begangen worden sein. Ich habe die Lebensweise genau nach Schenks Vorschriften eingehalten. Weib, solltest Du dagegen gehandelt haben?!”

“Ach Gott”, jammerte Frau  Uhu, “ich will Dir’s nur gestehen, das Essen war mir zu sonderbar, ich konnte mich nie daran satt essen. Da bin ich denn immer abends zu Spechts oder Habichts gegangen und habe da ordentlich Abendbrot mitgegessen. Sollte das vielleicht schiuld sein?”

” O Schwachheit, dein Name ist Weib!” schrie Uhu verzweifelt. “Was fangen wir nun mit dem Jungen an? Bei unseres Gleichen ist er unmöglich, und bei den Menschen wird ihm die Ähnlichkeit mit mir auch nicht von besonderem Nutzen sein. — Doch halt, da kommt mir ein rettender Gedanke. Es hat sich neulich eine ganz eigenartige Gesellschaft gegründet, Schlaraffia nennt man sich, dort werde ich mit göttlichen Ehren überschüttet. Zu den Schlaraffen bringe ich das Kind. Sie werden sein Erscheinen als ein Wunder preisen und die Ähnlichkeit mit mir wird ihm zum höchsten Glücke werden. Häng’ ihm ein Zettelchen mit dem Namen Klex um den Hals und hülle ihn in Dein Sonntagsmäntelchen ein, dann fort mit ihm zur Burg der Schlaraffen!”

Und so geschah es. Die Schlaraffen aber nahmen das Knäblein freudig auf und erzogen es streng nach den Satzungen des Bundes. Der Uhusohn ward bald eine Leuchte nicht nur des Reyches Lipsia, sondern der hehren Allschlaraffia.  Lulu !